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ORGANIZATIONAL DIAGNOSTICS · 005

Unternehmen diagnostizieren ihre Fehler. Ihren Erfolg deutlich seltener.

Außergewöhnlich gute Performance ist nicht nur ein Ergebnis. Sie kann darauf hinweisen, dass eine Organisation bereits über wirksame Praktiken verfügt, deren Mechanismus sie selbst noch nicht vollständig versteht.

Founder & CEO Melisa Özvural_edited_edit

Melisa Özvural

1. Oktober 2026

7 Min.

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Warum außergewöhnlich gute Performance nicht nur anerkannt, sondern mit derselben diagnostischen Disziplin untersucht werden sollte wie Abweichungen nach unten.

Unternehmen verfügen über ausgefeilte Systeme, um Abweichungen nach unten sichtbar zu machen.

Performance Reviews, KPI-Dashboards, Root-Cause-Analysen, Risikoberichte und Maßnahmenpläne setzen dort an, wo Ergebnisse hinter Erwartungen zurückbleiben. Das ist sinnvoll: Eine Zielverfehlung erzeugt Handlungsbedarf und damit die Notwendigkeit, Ursachen zu verstehen. Weniger selbstverständlich ist die umgekehrte Situation.


Ein Team übertrifft seine Ziele deutlich. Ein Bereich hält Leistung und Bindung unter Bedingungen stabil, unter denen vergleichbare Einheiten Schwierigkeiten zeigen. Eine Führungskraft erzeugt hohe Verbindlichkeit, ohne dass erhöhte Anforderungen sichtbar auf Kosten von Zusammenarbeit oder Belastung gehen. Eine Transformation wird in einem Teil der Organisation schneller angenommen als andernorts. Solche Ergebnisse werden wahrgenommen. Sie werden kommuniziert, gewürdigt und möglicherweise belohnt.


Aber werden sie ebenso präzise untersucht?


Organisationen suchen besonders dann, wenn Performance nicht ausreicht.

Die Behavioral Theory of the Firm beschreibt organisationale Entscheidungen unter anderem über sogenannte aspiration levels: Referenzpunkte dafür, welche Performance als ausreichend oder erwartet gilt.


Liegt die tatsächliche Performance unter diesem Niveau, entsteht eine Diskrepanz. Diese kann eine problemistic search auslösen. Eine gezielte Suche nach Ursachen, Alternativen und Veränderungen.

Eine systematische Review von 114 Publikationen aus sechs Jahrzehnten Forschung zeigt, wie zentral gerade diese Logik für das Verständnis organisationaler Anpassung geworden ist. Ein erheblicher Teil der Forschung untersucht, wie negative Performanceabweichungen Suche, Veränderung und Lernen auslösen. Performance oberhalb des Anspruchsniveaus folgt dagegen einer anderen Suchlogik und wird nicht einfach spiegelbildlich verarbeitet.


Das hat eine praktische Konsequenz:

Organisationen haben häufig sehr gut entwickelte Mechanismen für die Frage, warum etwas nicht funktioniert.


Für die Frage, warum etwas ungewöhnlich gut funktioniert, ist die diagnostische Infrastruktur oft weniger selbstverständlich.


Auch außergewöhnlicher Erfolg ist eine Abweichung.

Eine Abweichung wird nicht erst dadurch informativ, dass sie negativ ist. Wenn vergleichbare Organisationseinheiten unter ähnlichen Bedingungen systematisch unterschiedliche Ergebnisse erzielen, enthält dieser Unterschied Information. Genau diese Logik nutzt der Ansatz der Positive Deviance. Statt ausschließlich jene Einheiten zu untersuchen, bei denen ein Problem auftritt, werden Akteure oder Einheiten betrachtet, die unter vergleichbaren Restriktionen außergewöhnlich gute Ergebnisse erzielen. Anschließend wird untersucht, welche Verhaltensweisen, Praktiken oder Bedingungen diese Abweichung plausibel erklären und ob sie auf andere Kontexte übertragbar sind. Systematische Anwendungen dieses Ansatzes zeigen zugleich, dass Identifikation allein nicht genügt: Hypothesen über Erfolgsmechanismen müssen geprüft werden, bevor daraus Transfer abgeleitet wird. Für organisationale Diagnostik folgt daraus keine Aufforderung zu mehr „Stärkenorientierung“. Es folgt eine anspruchsvollere Forderung: Positive Performance verdient dieselbe kausale Neugier wie negative Performance.


Ein gutes Ergebnis erklärt seinen Mechanismus nicht.

Der erfolgreichste Bereich einer Organisation kann aus sehr unterschiedlichen Gründen erfolgreich sein.

Vielleicht werden Informationen dort schneller verteilt. Entscheidungsrechte sind klarer. Führung priorisiert konsequenter. Informelles Wissen gelangt zuverlässiger an die richtigen Stellen. Konflikte werden früher bearbeitet. Schnittstellen funktionieren anders. Oder das Team profitiert von Bedingungen, die außerhalb seines eigenen Einflusses liegen. Aus dem Ergebnis allein lässt sich das nicht ableiten. Deshalb wäre es ebenso voreilig, einen erfolgreichen Bereich einfach zum „Best Practice“ zu erklären, wie aus einer schlechten Kennzahl unmittelbar eine Intervention abzuleiten.

Die relevante Frage ist nicht: Was macht dieses Team anders? Sie lautet präziser: Welche Unterschiede tragen plausibel zu seiner überdurchschnittlichen Performance bei und welche davon sind tatsächlich übertragbar? Diese Unterscheidung schützt Organisationen vor einem verbreiteten Fehler: sichtbare Merkmale erfolgreicher Einheiten zu kopieren, ohne verstanden zu haben, welche Funktion diese Merkmale im jeweiligen System erfüllen.

Erfolg würdigen und Erfolg diagnostizieren sind zwei verschiedene Aufgaben.

Anerkennung erfüllt eine soziale und kulturelle Funktion. Sie signalisiert, welches Verhalten und welche Ergebnisse eine Organisation schätzt. Diagnostik verfolgt ein anderes Ziel. Sie versucht zu erklären, warum ein Ergebnis entstanden ist. Damit verändert sich auch der Blick auf High Performance. Ein außergewöhnlich gutes Ergebnis wird nicht nur zum Anlass für Anerkennung, sondern zu einer möglichen Evidenzquelle über die Funktionsweise der eigenen Organisation. Das kann insbesondere dort wertvoll werden, wo mehrere Einheiten eigentlich vergleichbar sein müssten. Wenn Prozesse ähnlich sind, Ressourcen vergleichbar erscheinen und formale Strukturen kaum voneinander abweichen, die Ergebnisse aber dauerhaft deutlich auseinanderliegen, ist gerade diese Differenz diagnostisch interessant.


Nicht jede Erfolgsform sollte skaliert werden.

Positive Abweichung besitzt allerdings eine Besonderheit: Organisationen können zu schnell versuchen, erfolgreiche Praktiken zu standardisieren. Damit besteht das Risiko, das Sichtbare zu übertragen und den eigentlichen Mechanismus zu verlieren. Eine bestimmte Meeting-Struktur kann beispielsweise mit guter Performance zusammenhängen, ohne deren Ursache zu sein. Eine Führungskraft kann bestimmte Routinen verwenden, deren Wirksamkeit aber von ihrer Erfahrung, der Zusammensetzung des Teams oder informellen Beziehungen abhängt. Was in einer Einheit funktioniert, kann in einer anderen unter veränderten Bedingungen wirkungslos werden. Deshalb braucht auch außergewöhnliche Performance Hypothesenprüfung.


  • Was ist Ursache?

  • Was ist Kontext?

  • Was ist lediglich Begleiterscheinung?

  • Und welche Bedingung muss erhalten bleiben, damit eine erfolgreiche Praxis auch andernorts ihre Funktion erfüllen kann?


Erst dann wird aus Beobachtung organisationales Lernen.

Von Corrective Learning zu Amplification Learning.

Organisationen benötigen einen starken Corrective Learning Loop:


Abweichung erkennen → Ursache verstehen → korrigieren → Wirkung überprüfen.


C'DYN ergänzt diese Logik um eine zweite Form des Lernens:


Positive Abweichung erkennen → Mechanismus verstehen → schützen → gezielt übertragen.


Wir bezeichnen diese Perspektive als Amplification Learning. Der Begriff beschreibt keine etablierte wissenschaftliche Theorie, sondern eine C'DYN-Arbeitslogik für organisationale Diagnostik: Bereits vorhandene, überdurchschnittlich funktionierende Muster werden nicht lediglich als Erfolg registriert, sondern systematisch daraufhin untersucht, welche Mechanismen erhalten oder an anderer Stelle nutzbar gemacht werden können. Dabei stehen vier Fragen im Vordergrund:


Wo entsteht Performance, die systematisch über dem Erwartungs- oder Vergleichsniveau liegt?


Welche Verhaltensweisen, Führungspraktiken oder strukturellen Bedingungen unterscheiden diese Einheit von relevanten Vergleichsgruppen?


Welche dieser Unterschiede erklären die Performance plausibel und welche sind lediglich Begleiterscheinungen?


Was kann geschützt oder übertragen werden, ohne den Mechanismus durch Standardisierung selbst zu zerstören?


Diese Logik erweitert die Funktion organisationaler Diagnostik. Sie fragt nicht ausschließlich:

Wo entsteht ein Risiko? Sondern ebenso: Wo besitzt die Organisation bereits Fähigkeiten, deren Wert sie selbst noch nicht vollständig verstanden hat?


Performance Feedback verdient deshalb zwei Richtungen.

Auch die neuere Forschung zu Performance Feedback spricht gegen eine ausschließlich defizitorientierte Lernlogik. Eine aktuelle systematische Review zeigt, dass positives Feedback vergleichsweise konsistent mit Leistungsverbesserungen verbunden ist, während die Wirkung negativen Feedbacks stärker von moderierenden Bedingungen abhängt. Zugleich betonen die Autoren, dass die Forschung aufgrund heterogener Definitionen und Designs weiterhin fragmentiert ist. Das bedeutet nicht, kritische Rückmeldung zu reduzieren. Es unterstreicht vielmehr eine grundlegendere Unterscheidung:

Die Aufmerksamkeit, die ein Problem erzeugt, ist nicht automatisch identisch mit seinem Lernwert.

Eine Organisation kann ausgezeichnet darin sein, Defizite sichtbar zu machen und dennoch systematisch übersehen, welche ihrer eigenen Praktiken bereits außergewöhnlich gut funktionieren.


Wenn ein Bereich über längere Zeit deutlich besser funktioniert als vergleichbare Teile derselben Organisation:

Ist das lediglich ein Erfolg, den man würdigt oder organisationale Evidenz, die man verstehen sollte?

SELECTED EVIDENCE ─────

Management Review Quarterly · Behavioral Theory of the Firm ↗

Die systematische Review von 114 Publikationen zeigt, wie aspiration levels, problemistic search und organisationales Lernen erklären, warum insbesondere Performance unterhalb organisationaler Referenzwerte Suche und Anpassung auslösen.


BMJ Quality & Safety · Positive Deviance in Organizations ↗

Die systematische Review beschreibt Positive Deviance als Ansatz, außergewöhnlich erfolgreiche Einheiten unter vergleichbaren Bedingungen zu identifizieren, Hypothesen über ihre Erfolgsmechanismen zu entwickeln und diese anschließend zu prüfen und zu übertragen.


Journal of Organizational Behavior · Performance Feedback: A Critical Systematic Review ↗

Die aktuelle Review bündelt die fragmentierte Performance-Feedback-Forschung und berichtet relativ konsistente leistungsfördernde Effekte positiven Feedbacks, während negative Rückmeldung stärker von moderierenden Bedingungen abhängt.

MANAGEMENT TAKEAWAY

Organisationale Diagnostik sollte nicht bei Abweichungen nach unten enden. Außergewöhnlich gute Performance kann ebenso wertvolle Information enthalten – vorausgesetzt, ihre Mechanismen werden untersucht, von Kontextfaktoren getrennt und erst danach gezielt übertragen.

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AMPLIFICATION LEARNING IN WIRKUNG BRINGEN

Welche außergewöhnlich gute Performance versteht Ihre Organisation noch nicht präzise genug?

C'DYN identifiziert positive Abweichungen, untersucht ihre zugrunde liegenden Mechanismen und übersetzt sie in Entscheidungen darüber, was geschützt, übertragen oder gezielt skaliert werden sollte.

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